DIE LAGE DER IT-SICHERHEIT IN DEUTSCHLAND 2020 | GEFÄHRDUNGSLAGE
1.1.2 Emotet: Neue Qualität
fortschrittlicher Angriffe
Emotet dominierte im Berichtszeitraum die ITSicherheitsbedrohungen durch Schadprogramme.
Der ehemalige Banking-Trojaner vereint vielfältige
Schadfunktionen. So sind beispielsweise verschiedene
Software-Module zum Ausspähen von Informationen
(vgl. Kapitel Diebstahl und Missbrauch von Identitätsdaten, Seite 18), zum Spamversand (vgl. Kapitel Spam
und Malware-Spam, Seite 15) sowie zum Nachladen weiterer Schadprogramme enthalten. Zudem besitzt Emotet
Wurm- und Bot-Funktionalitäten (vgl. Kapitel Botnetze,
Seite 16). Das Schadprogramm kann sich demnach nicht
nur automatisiert in einem Netzwerk verbreiten, sondern auch Kontakt zu einem Command-and-ControlServer aufnehmen, um von dort Befehle der Angreifer
entgegenzunehmen und im infizierten Netzwerk auszuführen.
Diese vielfältigen Schadfunktionen bieten den Angreifern zahlreiche neue und fortschrittliche Angriffsvektoren. Dabei kommen Methoden in massenhafter Weise
zum Einsatz, die zuvor nur bei gezielten, aufwändigen
und fachlich anspruchsvollen Angriffen auf herausgehobene Ziele beobachtet wurden (z. B. bei einem
APT-Angriff auf ein einzelnes Unternehmen, vgl. Kapitel Advanced Persistent Threats, Seite 28). Dies illustriert
die dreistufige Angriffsstrategie mit Emotet, der Schadsoftware Trickbot und der Ransomware Ryuk:
1. Emotet-Infektion durch Social Engineering im
Schneeballprinzip: Emotet wird per E-Mail verbreitet.
Als E-Mail-Anhang wird es zum Beispiel als Bewerbungsschreiben oder in manipulierten Bilddateien
getarnt. Als Link in E-Mails wird es auf Webseiten
verborgen und nach dem Klick auf den Link installiert.
Um Nutzerinnen und Nutzer zum Klick zu verleiten,
kommen fortschrittliche Social-Engineering-Techniken
zum Einsatz. Nach einer erfolgreichen Infektion späht
Emotet die E-Mail-Kommunikation des Opfers aus
(sogenanntes Outlook-Harvesting) und nutzt diese, um
Kommunikationspartner wie beispielsweise Geschäftspartner des Opfers anzugreifen. Die Kommunikationspartner erhalten dann ihrerseits E-Mails mit schädlichen Anhängen, die beim Klick Emotet installieren. Mit
Hilfe der zuvor erbeuteten E-Mail-Kommunikationsverläufe generiert Emotet automatisiert täuschend echt
wirkende Antworten auf vermeintlich vom Opfer stammende E-Mails und verbreitet diese massenhaft weiter.
Aufgrund der bekannten Betreffzeilen und zitierten
E-Mail-Inhalte werden Empfänger häufig erfolgreich
zum Klicken verleitet. Diese Angriffsmethode kann
praktisch ohne weiteres Zutun der Angreifer automatisiert durch die Schadsoftware ausgeführt werden.
2. Spionage und Persistenz durch Trickbot: Nach erfolgreicher Infektion eines Systems lädt Emotet weitere
Schadsoftware nach; im Berichtszeitraum handelte es
sich häufig um Trickbot. Trickbot besitzt Spionage- und
Sabotagekomponenten und kann automatisiert das Netzwerk des Betroffenen vollständig kompromittieren –
bis hin zu zentralen Systemen wie dem Domain-ControlServer im Active Directory, der für die zentrale Authentifizierung von Nutzerinnen und Nutzern sowie die
Zuweisung von Rechten und Rollen zuständig ist. Der
Angreifer verfügt dadurch über alle Rechte, um beispielsweise Benutzerkonten mit Administratorrechten
anzulegen, Daten einzusehen und abfließen zu lassen
oder Hintertüren (sogenannte Backdoors) für einen längerfristigen Verbleib im infizierten System einzurichten.
Zudem sammelt Trickbot eigenständig Informationen
über Systeme, Benutzer und installierte Software des
Opfers und übermittelt diese an die Angreifer.
3. Monetarisierung durch die Ryuk-Ransomware: Es
ist davon auszugehen, dass die Angreifer auf Basis der
von Trickbot beschafften Informationen entscheiden,
ob sie anschließend über den Fernzugriff von Trickbot auch noch manuell auf das Netzwerk des Opfers
zugreifen. Erscheint ihnen das Ziel zahlungsfähig, wird
die Ransomware Ryuk gleichzeitig auf allen erreichbaren
Servern und Systemen des Opfers verteilt. Aufgrund der
von Trickbot beschafften weitreichenden Rechte werden
oft auch Backups verschlüsselt. Anschließend erfolgt
häufig eine Lösegeldforderung.
Die Schadwirkung dieser Vorgehensweise ist immens.
Betroffene Unternehmen, Behörden, wissenschaftliche
Einrichtungen und andere Institutionen müssen unter
Umständen hohe Kosten für die Wiederherstellung von
Systemen, für Produktionsausfälle und ausbleibende
Umsätze in Kauf nehmen. Im Berichtszeitraum wurden
zudem Lösegeldforderungen bis in den achtstelligen
Bereich beobachtet.
1.1.3 Ransomware
Ransomware stellt bereits seit einigen Jahren eine der
größten Bedrohungen für Nutzerinnen und Nutzer von
IT-Systemen dar, denn der erfolgreiche Einsatz dieser
Art von Schadsoftware verhindert den Zugriff auf lokale
oder im Netzwerk erreichbare Daten und Systeme. Am
häufigsten wird hierzu eine Verschlüsselung von Nutzerdaten (wie Office-, Bild-, Ton- und Videodateien) oder
ganzer Datenbanken durchgeführt. Die Opfer erhalten
anschließend eine Nachricht, dass die Beschränkung bei
Zahlung eines Lösegelds (Ransom) wieder aufgehoben
werde. Dabei werden häufig sehr kurze Fristen gesetzt und
mit der sukzessiven Löschung oder Veröffentlichung der
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