DIE LAGE DER IT-SICHERHEIT IN DEUTSCHLAND 2020 | GEFÄHRDUNGSLAGE
1.3.2 Schwachstellen in Hardware-Produkten
Neben rein softwarebasierten Angriffen auf die Vertraulichkeit von Daten oder die Integrität und Verfügbarkeit
von Diensten und Dienstleistungen, rücken Angriffe auf
die Hardware in stetig wachsendem Maße in den Fokus
von Sicherheitsexpertinnen und -experten und auch
der Öffentlichkeit. Die Lücken Spectre und Meltdown in
Prozessoren sowie die Meldungen um vermeintliche versteckte Spionagechips auf Hauptplatinen, beides Vorfälle
aus dem Jahr 2018, sind nur zwei Beispiele, die die Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben und den Stellenwert
sicherer Hardware in besonderem Maße verdeutlichen.
organisatorischen Prozess ansetzen, wie etwa an der Physik von Transistoren in hochintegrierten Schaltungen,
der Mikroarchitektur eines hochkomplexen Prozessors
oder auch den Schritten Produktion und Lieferkette
bei Betrachtung des Lebenszyklus eines IT-Produkts.
Dem vergleichsweise hohen Schwierigkeitsgrad und der
Komplexität solcher Angriffe steht ein potenziell sehr
hoher Gewinn entgegen. Ist die grundlegende Hardware
kompromittiert oder bieten darin enthaltene Schwächen
ein hinreichend großes Einfallstor, verlieren auf ihr
aufsetzende Sicherheitsmechanismen grundsätzlich ihre
Wirkung.
Angriffen auf Hardware ist gemein, dass diese in der
Regel sehr tief in der jeweiligen Architektur oder dem
Angriffe auf Authentisierungstoken
Passwörter sind heutzutage immer noch die übliche Methode, sich bei Internetdiensten zu authentisieren. Allerdings haben
Passwörter einige Nachteile (vgl. Kapitel Zwei-Faktor-Authentisierung, Seite 47). Daher bieten immer mehr Dienste eine
zusätzliche Absicherung der Anmeldung durch die Benutzung spezieller Hardware an, mit denen zusätzlich zum Passwort
(Wissen) ein weiteres Merkmal (Besitz) der Anwenderinnen und Anwender geprüft wird.
Allerdings können auch solche Sicherheitstoken Schwachstellen aufweisen. Im Rahmen eines BSI-Projekts wurde ein nicht
nach Common Criteria zertifiziertes, kommerziell vertriebenes FIDO-U2F-Token, das als Schlüsselspeicher für Webanwendungen eingesetzt wird, durch das Fraunhofer-Institut AISEC auf Sicherheitslücken untersucht. Der Hersteller wurde über die
Ergebnisse informiert. (Der entsprechende CVE-Eintrag hat die Nummer CVE-2020-12061.)
Bei diesem Token war es möglich, das Gehäuse zu öffnen, ohne äußere Spuren zu hinterlassen. In der Folge konnten mithilfe
eines Oszilloskops sicherheitsrelevante gerätespezifische Daten aus dem Gerät ausgelesen werden. Anschließend wurde eine
neue Firmware aufgespielt, die Schlüssel mit einer sehr geringen Entropie erzeugt und bereits vorhandene Schlüssel, die noch
mit hoher Entropie erzeugt wurden, über eine Phishing-Webseite ausleitet. Außerdem bestand die Möglichkeit, die Kopie
eines Tokens zu erstellen. Die zusätzliche Sicherheitsannahme durch das Merkmal Besitz war somit nicht mehr gültig.
Dieses Vorgehen entspricht einem sogenannten Evil-Maid-Szenario, in dem ein Angreifer gezielt kurzzeitig die Kontrolle
über ein Token erlangt und dieses manipuliert. Außerdem besteht die Möglichkeit, ein sogenanntes Supply-Chain-Szenario
durchzuführen, wobei ein nicht vertrauenswürdiger Hersteller, Lieferant oder Händler einen beliebig großen Anteil der Token
vor der Auslieferung an die Kundinnen und Kunden manipuliert.
Bei diesem Angriff wurden zwei prinzipiell unabhängige Schwachstellen kombiniert:
•
Die sicherheitsrelevanten Daten können unverschlüsselt mitgelesen werden (Schwäche im Design).
•
Der Mikrocontroller ist als Maßnahme gegen Manipulationen zwar mit einem Leseschutz versehen,
das Schreiben wird dadurch aber nicht verhindert (Schwäche des verwendeten Mikrocontrollers).
Die Untersuchung belegt erneut, dass es unabdingbar ist, Sicherheits-Hardware gründlich zu untersuchen und dabei in ihrer
Gesamtheit zu betrachten. Bei einer getrennten Analyse von Hard- und Software können Schwachstellen eventuell unentdeckt bleiben.
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