DIE LAGE DER IT-SICHERHEIT IN DEUTSCHLAND 2020 | GEFÄHRDUNGSLAGE
1.4
Advanced Persistent Threats
Advanced Persistent Threats (APTs) unterscheiden sich von
anderen Bedrohungen der IT-Sicherheit durch die Motivation und die Vorgehensweise der Angreifer. Während
die meisten Schadprogramme in der Regel von finanziell
motivierten Angreifern massenhaft und ungezielt verteilt
werden, sind APTs oft langfristig und mit großem Aufwand
geplante Angriffe auf einzeln ausgewählte, herausgehobene
Ziele. APT-Angriffe dienen normalerweise nicht der kriminellen Gewinnerzielung, sondern der Beschaffung von
Informationen über das Ziel und ggf. der Sabotage.
Die technischen Unterschiede zwischen kriminellen
Aktivitäten und gezielten Angriffen verschwimmen zunehmend. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass auch
Ransomware-Angriffen wochenlanges Ausbreiten in internen Netzwerken vorangehen kann (vgl. Kapitel Emotet:
Neue Qualität fortschrittlicher Angriffe, Seite 11), was früher
nur von APT-Angriffen bekannt war. Dadurch gewinnt als
Unterscheidungskriterium der Umstand Bedeutung, dass
gezielte Angriffe stets einen strategischen Hintergrund
haben. Eine Betrachtung der Sicherheitslage im Bereich von
APT-Angriffen muss daher diese Dimension berücksichtigen, wofür sich derzeit der Begriff der strategischen Threat
Intelligence etabliert. Die strategische Sicht erleichtert eine
Einordnung, aus welchen Gründen, beispielsweise Branche
und Produkte oder geografischer Standort, die eigene Organisation ein potenzielles Ziel für APT-Angriffe sein kann.
Derzeit ist eine dreistellige Zahl von APT-Gruppen weltweit
aktiv. In Deutschland sind davon im Berichtszeitraum
Aktivitäten von knapp über einem Dutzend beobachtet
worden, wobei die Art der Aktivität von einfachen Angriffsversuchen und Phishing-E-Mails bis zu erfolgreichen
Kompromittierungen reicht. Ziel der Angriffsversuche
auf die Regierungsnetze in Deutschland waren vor allem
Ministerien mit außenpolitischen Aufgaben. Auch Botschaften waren Ziel von APT-Gruppen, die einen Fokus auf
das vertretene Land hatten. Weitere Angriffe bzw. Angriffsversuche richteten sich gegen international agierende
Nicht-Regierungs-Organisationen und Unternehmen
im Chemie-, Automobil- und Maschinenbausektor. Dies
verdeutlicht, dass APT-Gruppen gezielt eingesetzt werden
und einer strategischen Ausrichtung folgen, die oftmals
mit einer Fokussierung auf bestimmte Weltregionen oder
Branchen einhergeht.
Besonders viel Aktivität zeigte sich im aktuellen Berichtszeitraum in Südostasien, Zentralasien und im Mittleren Osten. Ein deutlicher Anstieg der APT-Aktivität ist in diesen
Regionen im Telekommunikationssektor zu beobachten.
Dieser Sektor bietet den Angreifern sowohl Daten zum
Ausspähen von Individuen als auch Daten zu Technologien
oder Geschäftsgeheimnissen. Viele öffentliche Berichte
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dokumentieren zudem, dass in vielen Staaten Spionageprogramme genutzt werden, um Kritiker in der eigenen
Bevölkerung auszuspähen.
Der überwiegende Teil von APT-Aktivitäten dient nach wie
vor der Informationsbeschaffung in Regierungsbehörden,
Militärorganisationen, Wirtschaftsunternehmen oder bei
Regimekritikern. Sabotageangriffe sind deutlich seltener
und auf einzelne Sektoren und Regionen beschränkt. Allerdings sind Fälle bekannt, in denen Informationen gesammelt wurden, die bei Bedarf Sabotageangriffe unterstützen
könnten.
Auf der technischen Seite findet eine Diversifizierung von
Angriffsmethoden statt. Während APT-Angriffe früher
vor allem über E-Mail-Anhänge oder Links auf Schadcode-Webseiten erfolgten, variieren die Angreifer die
Angriffsvektoren mittlerweile. Dazu gehören die Kompromittierung von legitimen Software-Produkten, das Ausnutzen von Schwachstellen in Fernwartungsdiensten und
das Wiederverwenden ausgespähter Zugangsdaten. Zudem
nutzt eine zunehmende Zahl an APT-Gruppen die Infrastrukturen und Zugangsdaten von Zulieferern, um ihre
eigentlichen Ziele zu kompromittieren. In einem ersten
Schritt werden dabei schlechter geschützte Netzwerke von
Zulieferern angegriffen. Im zweiten Schritt werden die dort
erlangten Informationen und Zugänge verwendet, um in
das Netzwerk des tatsächlichen Angriffsziels einzudringen.
Dadurch können auch solche Unternehmen, die eigentlich
ein hohes IT-Sicherheitsniveau und professionelle Sicherheitsteams besitzen, kompromittiert werden, wenn sie
einem schlecht gesicherten Zulieferer vertrauen und diesen
an das eigene Netzwerk anschließen.
Zudem entwickeln und testen mehrere APT-Gruppen aktuell Methoden, um Unternehmensrouter zu kompromittieren. Dies ist bedenklich, da für diese Router bisher nur
wenige Sicherheitsprodukte existieren, die ein Monitoring
ermöglichen oder gar Angriffe detektieren könnten.
Obwohl die meisten APT-Gruppen frei verfügbare Werkzeuge wie Cobalt Strike oder Empire verwenden, deren
Aufbau und Spezifikationen bekannt sind, entwickeln viele
Gruppen dennoch zusätzlich eigene Tools weiter. Insbesondere wird viel Aufwand investiert, um zusätzliche Teilschritte in der initialen Phase von Angriffen vorzunehmen.
Schadprogramme werden nicht direkt auf das Zielsystem
übertragen, sondern erst nach und nach über mehrere Stufen nachgeladen – teilweise erst nach einer Prüfung durch
die Angreifer, ob das kompromittierte System als interessantes Ziel erachtet wird. Dieser Aufwand verdeutlicht, dass
die Angreifer die Detektionsmethoden und Analyseprozesse von Sicherheitsteams verstanden haben und versuchen,
die eigenen Schadprogramme der Analyse zu entziehen.
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